Mit der Fähre zur Loreley
Niedrigwasser, ein Umweg aus der Not — und der beste Teil des Tages
- Strecke 9,95 km
- Aufstieg 340 hm
- Gehzeit 3:05 h
- Schwierigkeit mittel
Start und Ziel: in St. Goar, weiter als Fußgänger mit der Fähre
Angefangen hat der Tag mit einer Planänderung. Eigentlich wollten wir unten am Fuß der Loreley parken, aber der Rhein führte so wenig Wasser, dass von den Fähren nur noch die in St. Goar fuhr — und auch die sichtlich am Limit. Statt weiterzusuchen haben wir kurzerhand in St. Goar geparkt und sind als Fußgänger auf die Fähre gegangen. Wer schon einmal versucht hat, drei Jungs zwischen sieben und vierzehn für einen Umweg zu begeistern, weiß: Eine Flussüberquerung ist kein Umweg. Sie ist eine Attraktion.
Auf dem Fährdeck sieht man dem Strom das Niedrigwasser an. Vor St. Goarshausen lagen Kiesbänke frei, die sonst unter Wasser stehen, und am Ufer zog sich ein breiter heller Streifen entlang, wo sonst das Wasser steht. Die paar Minuten Überfahrt haben alle drei am Geländer verbracht. Drüben in St. Goarshausen beginnt der Weg dann ohne Vorwarnung: eine schmale Gasse zwischen zwei Häuserwänden, darüber ein verwittertes Schild, das alles auf einmal ankündigt — „Fußweg zum Stadtteil Heide, Hallenbad, Hühnertempel, Freilichtbühne, Loreley über Burg Katz“. Und in Klammern der Satz, der die Sache klärt: „keine Besichtigung“.
Der Zusatz stimmt. Burg Katz, die aus jedem Rheinprospekt herausschaut, ist Privatbesitz und nicht zu besichtigen. Der Weg führt an ihr vorbei, man sieht die Türme über sich, und unten steht ein rotes Rundbogentor in einer efeubewachsenen Mauer, hinter dem es nicht weitergeht. Für Kinder ist das ein bemerkenswertes Konzept: eine echte Burg, direkt am Weg, und man darf nicht rein. Das hat auf den nächsten Kilometern mehr Gesprächsstoff geliefert als jede Besichtigung.
Danach steigt der Weg stetig an, und oben wird man dafür sofort bezahlt. Die Rheinschleife liegt auf einmal komplett unter einem: das Wasser in einem kräftigen Grün, die freigefallene Sandbank in der Flussmitte wie eine eigene kleine Insel, auf beiden Seiten die Bahnlinien und die Straße, und dahinter die Weinberge. Es ist viel los hier oben, und unten im Tal ist es das auch — Güterzüge, Schiffe, Autos, der Verkehr des halben Landes zwängt sich durch diese Kurve. Das tut dem Blick keinen Abbruch, im Gegenteil: Man versteht auf einen Schlag, warum diese Stelle seit zweihundert Jahren gemalt und besungen wird.
An einem der Aussichtspunkte steht ein großer hölzerner Bilderrahmen im Gras, oben quer ein Band mit „Loreley Region“. Gedacht ist er für Fotos. Genutzt wurde er als Turngerät. Ein Stück weiter kam eine Schutzhütte mit Spitzdach und krummen Holzstützen, von der aus man direkt auf St. Goarshausen hinunterschaut, und kurz danach die Stelle, an der sich das Tal in beide Richtungen öffnet und man die Schleife im Ganzen sieht.
Oben auf der Höhe wird es dann überraschend ruhig. Der Weg führt aus dem Wald heraus über offene Felder, am Rand eine Bank unter einem mächtigen Baum, und der Pfad zieht als heller Strich durch die abgeernteten Äcker. Man läuft hier ein paar Kilometer, ohne dass etwas passiert — und genau das war nötig, denn das eigentliche Ziel lag noch vor uns.
Die Sommerrodelbahn auf der Loreley ist der Grund, aus dem ein Siebenjähriger einer Wanderung überhaupt zustimmt. Anstehen musste man, aber es hielt sich in Grenzen; von supervoll war nichts zu spüren. Die Bahn zieht in einem langen Bogen den Hang hinunter, und man fährt selbst — jeder mit seinem eigenen Bremshebel, was die Sache für die Großen erst interessant macht. Auf dem Spielplatz gleich daneben gibt es eine Kugelbahn, und damit war Raphael für eine ganze Weile versorgt.
Eingekehrt sind wir im Biergarten oben auf dem Plateau. Die Preise sind das, was man auf einem der bekanntesten Aussichtspunkte Deutschlands erwarten muss — teuer. Gut war es trotzdem, und nach dem Anstieg und der Rodelbahn hat das niemanden gestört.
Zurück ging es über die Felder und dann in den Wald hinein. Unterwegs steht ein Schild, das man sich merkt: ein rotes Warndreieck mit einem springenden Hirsch, und darunter ein selbstgemaltes Holzbrett mit geschwungener Schrift, „Zum Rhein“. Es zeigt in die richtige Richtung, aber es verschweigt, wie es dorthin geht. Der letzte Abschnitt ist kurz und ausgesprochen steil: ein schmaler, steiniger Pfad, der die Hangkante hinunterläuft, mit dem Rhein die ganze Zeit im Blick. Dreihundertvierzig Höhenmeter gehen hier wieder weg, und der größte Teil davon in diesem einen Stück.
Unten kommt man am Ufer heraus, mitten in St. Goarshausen, mit der Burg Katz noch einmal hoch über sich am orange verfärbten Hang. Dann die Fähre zurück, und damit endet die Runde so, wie sie angefangen hat. Zehn Kilometer, dreieinhalb Stunden reine Gehzeit, unterwegs waren wir den ganzen Tag. Dass wir auf der Fähre gelandet sind, weil der Rhein zu wenig Wasser hatte, war der beste Zufall der Tour.
Was wir gelernt haben
- Bei Niedrigwasser fährt nicht jede Rheinfähre. Wer unterhalb der Loreley parken will, sollte vorher prüfen, ob die passende Fähre überhaupt in Betrieb ist — sonst steht man vor der Anlegestelle. In St. Goar zu parken und als Fußgänger überzusetzen ist ohnehin der schönere Weg und kostet für Fußgänger nur einen Bruchteil der Autoüberfahrt.
- Burg Katz ist Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden. Das steht in Klammern auf dem Wegweiser unten in der Gasse, und es ist besser, es vorher zu sagen als oben am verschlossenen Tor.
- Der Aufstieg von St. Goarshausen aus liegt am Anfang, der steile Teil des Abstiegs am Ende. Wer die Runde andersherum geht, hat den steilen Pfad im Aufstieg — mit kleineren Kindern ist das die schlechtere Variante, weil er steinig ist und wenig Halt bietet.
- Die Sommerrodelbahn gehört auf die Strecke, nicht ans Ende des Tages. Sie liegt nach gut der Hälfte, und die Kilometer davor laufen sich deutlich leichter, wenn klar ist, was noch kommt. Der Spielplatz daneben hat eine Kugelbahn, die jüngere Kinder länger bindet als die Bahn selbst.
- Oben auf dem Plateau ist die Einkehr gesichert, aber teuer. Für die Strecke dazwischen lohnt es sich trotzdem, genug zu trinken dabeizuhaben — die offenen Felder auf der Höhe liegen ohne Schatten in der Sonne.
- Im oberen Mittelrheintal ist viel los, auch was den Verkehr angeht. Die Aussichtspunkte liegen teilweise dicht an ungesicherten Kanten über dem Tal, und unten laufen Bahnlinie und Bundesstraße direkt am Ufer entlang.